Mittwoch, August 05, 2009

Regen

Premiere: Zum ersten Mal in diesen vier Wochen regnet es in Strömen.
Auch in dieser Hinsicht ist Budapest eine Reise wert. Ein Regengedicht:

Der Regen kommt, wann es ihm passt.
Es giesst so manche Stunde.
Der Regen trommelt ohne Hast
und bleibt ein Weilchen unser Gast.
Wir fluchen eine Runde.

Dönerkebab


Wir können es bezeugen: Der Siegeszug des Dönerkebab, des „sich drehenden Grillfleisches“ ist vollendet. Es gibt in Europa keine dönerfreie Stadt mehr. Der Döner hat in Europa die einstige Vormachtstellung des Hamburgers innert weniger Jahre definitiv und für immer geschleift.

Jeder der will, kann ein Kebab-Lokal eröffnen und Döner verkaufen. Jeder? Nicht ganz. Denn der Vertrieb von Döner ist fest in der Hand von Türken und das in ganz Europa, sogar in Polen und Ungarn, wo es noch nicht sehr viele Ausländer gibt.

Das ist die zweite bemerkenswerte Tatsache. Es sind ausschliesslich kleine türkische Familienbetriebe, die Dönerkebab anbieten. Sie suchen sich die geeignete Lokalität – immer an bester Fussgängerlage, zahlen Infrastruktur und Miete und beziehen die zwei bis zehn Kilo schweren Fleischspiesse von einem zentralen Lieferanten.

Dieses Geschäftsmodell funktioniert offensichtlich derart gut, dass trotz des Erfolgs des in warmes Fladenbrot geschabten Fleisches noch keiner den Aufbau einer Döner-Fastfood-Kette gewagt hat.

Interesssant ist die Sache mit den Markenrechten: Während diese bei MacDonald’s klar geregelt sind und jedes Mc gleich eine Abmahnung des Grosskonzerns zur Folge hat, kann jede Dönerbude, sich mit „Döner“ und „Kebab“ bezeichnen und wenn zwei, drei oder noch mehr Lokale nebeneinander stehen, dann heissen alle so, ohne dass es den Konkurrenten weiter stört. Denn niemand besitzt die Markenrechte an der Bezeichnung „Dönerkebab“.

Doch gerade dieser Markenanarchismus nützt allen gleichermassen. Während für den BiMac und seine Verwandten Millionen für Werbung ausgegeben werden müssen, kann man sich das beim Döner das sparen. Jeder wirbt für jeden, die Konsumenten wissen, was sie erwartet: Fleisch, Salat, Tomaten in einem zur Hälfte aufgeschnittenen Fladenbrot oder eingerollt in dünnen Fladenbroten als Dürüm.

Allerdings: Was für Fleisch auf so einen Spiess kommt, ist manchmal ziemlich zweifelhaft. Und im Grunde genommen schmeckt so ein Döner auch nach nichts, würde nicht reichlich ebenfalls vorgefertigte Tunke, mal mehr oder weniger scharf, darüber geschüttet. Ohne diese Aromakeule hätte Dönerfleisch den Charme von frisch geschnittenem Karton.

Wir haben uns auf unserer Europatour auch mal einen Döner gegönnt. Er schmeckte wie zuhause.

Dienstag, August 04, 2009

Budapest

Budapest ist eine moderne europäische Stadt,
die jedem Vergeich standhält.

Ungarn ist in einer Hinsicht eine Reise in die Vergangenheit: Das Geld, der Forint. Das ist wie vor dem Euro Italien: 10'000 Forint-Scheine, 50'000-Forint-Scheine, Tausender, 200er Münzen und so sind dann auch die Preise: Sandwiches, Kaffee und Mineralwasser: Viertausenddreihundertneunzig Forint (rund 24 Franken).

Wir waren vor Jahrezehnten das letzte Mal in Budapest. Dass das schon wirklich lange her ist, beweist das Verkehrsmittel, mit dem wir damals hier waren: mit einem Döschwo. Wir kamen von Griechenland und mussten an der jugoslawisch-ungarischen Grenze acht Stunden warten. Der Schlagbaum ging damals nur einmal am Tag hoch, um acht Uhr abends.

Hotels gab es zu der Zeit auch nicht einfach so. Wir haben uns für eine Nacht bei einer Familie einquartiert, die ein Schlafzimmer als "Fremdenzimmer" hergerichtet hatte und so etwas hinzu verdiente. Da sassen wir dann am anderen Morgen allein im Wohnzimmer und assen unser Frühstück, eine ziemlich skurrile Veranstaltung.

Klar ist es inzwischen abgedroschen: Aber Budapest ist der beste Beweis dafür, welche Überlegenheit das kapitalistische System gegenüber den sozialistisch-kommunistischen Herrschaftsformen hat. Auch wenn bei uns zuhause die Diskussion in eine andere Richtung läuft.

Bekannte Bilder mit dem Touri-Bus abhaken.

Budapest ist eine moderne europäische Stadt, die mit London, Paris, Berlin, Hamburg, Zürich und so weiter spielend mithalten kann. Und wie in all diesen Städten, sind auch in Budapest die weltbekannten Luxusmarken in einem Geviert im Zentrum zu finden. Mehr gibt es eigentlich nicht zu sagen. Denn die Touri-Bustour hakt all die Bilder ab, die wir aus den Prospekten kennen.

Interessant ist deshalb, was sonst so läuft. Beispielsweise was die deutschsprachige Zeitung, die "Budapester Zeitung" berichtet. In Stichworten:
  • Der Innenminiser steht unter Druck einer Rechtsaussenpartei, weil sich ein Bombenterrorvideo, dass dieser eben dieser Rechtsaussenpartei untergeschoben hat, um deren Gefährlichkeit zu illustrieren, sich nun als Fälschung erwiesen hat. Der Innenminister entschuldigt sich.

  • Auf Druck einer Bürgerinitiative mit über 600'000 Unterschriften haben die Abgeordneten ein neues Diätengesetz erlassen, das eine neue Spesenregeln enthält. Damit haben sich jetzt die Spesenansprüche der Abgeordneten verdreifacht. Da sei in der Hitze des Gefechts wohl ein Fehler passiert, sagt jetzt ein Parlamentarier.
Und die dritte Nachricht, zu einem gekippten neuen Ladenschlussgesetz, wollen wir wörtlich zitieren. Titel: Internet und Öffentlichkeit:
  • Hauptmedium war mal wieder das Internet, das sich immer mehr zur kritischen Öffentlichkeit Ungarns entwickelt. Die zahlreichen niveauvollen Internetzeitungen und Blogs schaffen das, woran die oftmals lächerlich offensichtliche Parteipropaganda der Printmedien Tag für Tag scheitert: Die Sicherstellung einer von tagespolitischer Taktik unabhängigen Pressearbeit, die so wichtig ist für eine demokratische Gesellschaft.
Die Budapester Zeitung wird auf richtiges Papier gedruckt.

Die Kunst des Reisens


Nachtzug nach Košice. Braucht nur fünf Stunden. Die beiden Züge tagsüber dagegen über acht Stunden, haben wir online durch die Fahrplanabfrage erfahren. Wir haben von der ursprünglichen Art des Reisens mit dem Zug in den letzten Tagen genug mitbekommen. Das Hotelzimmer haben wir nur tagsüber genutzt, zum Duschen und Ausruhen. Und zum Schreiben. Um fünf Uhr morgens werden wir ankommen.

Ich mag solche Nachtfahrten. Man schläft, falls überhaupt, erst kurz vor dem Ende der Strecke ein, döst dazwischen weg, träumt wirres Zeugs, wird wieder hellwach, weil man um seine Wertsachen fürchtet. Und dann dieses übernächtigte Gefühl und wenn du ankommst um fünf Uhr in der Frühe, ist es saukalt und du hoffst auf einen ersten starken Kaffee. Ein Croissant wäre die Vorstufe zum Paradies.

Der iPod spielt in den nächsten Stunden einen Mix aus Pop- und Rockstücken, dazwischen ein paar Unpluggeds, auch Keith Jarret. Die Kopfhörer von Logitech sind ihr Geld wert. Sie erreichen die Qualität der heimischen Anlage.

Vor einer Woche habe ich de Bottons Buch „The Art of Travel“ zu Ende gelesen. Der Kerl hat mich ab etwa der Mitte des Buches zu nerven begonnen. Es hat einen interessanten eigenen Gedanken in diesem Buch und das ist der auf Seite 9, den ich früher mal hier zitiert habe und der mich auf mehr hoffen liess.
If our lives are dominated by a search for happiness, then perhaps few activities reveal as much about the dynamics of this quest – in all is aroudur an paradoxes – than our travels. They express, however inarticulately, an understanding of what life might be about, outside the constraints of for and the struggle for survival.
Er war, wenn ich richtig gerechnet habe, 33 als er das Buch schrieb. Und man kann ja keineswegs behaupten, Herr de Botton sei nicht ein äusserst belesener junger Mann. Aber das reicht nicht aus, um über „The Art of Travel“ zu philosophieren. Aus dem einfachen Grund, weil ihm schlicht und einfach die Erfahrung des Reisens fehlt.

An eigenen Erlebnissen bekommen wir eine Autofahrt mit einem Halt in einer Autobahnraststätte mit, wo er einen Schokoriegel (!) zu sich nimmt und wenn ich mich recht erinnere dazu einen Orangensaft trinkt. Dann fährt er mit seiner Freundin in die Karibik und die beiden geraten sich in die Haare wegen einer Crème brûlée und schliesslich liegt er in einem Hotelzimmer in Madrid im Bett und will partout nicht raus, bis ihn das Zimmermädchen verscheucht. Dann trinkt in der Hotelbar eine heisse Schokolade. Ich halte das alles für ein ziemlich infantiles Verhalten, das Herr de Botton an den Tag legt.

Es gibt zwei Stadien des Reisens: in den ersten Jahren ist man ein Sammler. Diese Phase endet meistens dann, wenn man für teures Geld irgendwo hinfliegt und dort feststellt, hier sieht es aus wie in…. Die meisten Leute kommen jedoch über dieses Stadium nie hinaus.

Und dann gibt es die fortgeschrittenen Reisenden, die Erwachsenen (gemäss Herrn Schawinski sind das Leute ab sechzig), welche die Gelassenheit und Souveränität besitzen, sich auf das, was da kommt einfach einzulassen.
We are inundated with advice on where to travel to; we hear little of why and how we should go.
Wie gesagt, ich verstehe, dass Herr de Botton einen solchen Seufzer von sich lässt, er ist einfach noch jung und unerfahren. Denn wer schon herumgekommen ist, also über eine gute Portion Reiseerfahrung verfügt, für den ist vieles einfach egal und anderes will man nicht mehr. Zum Beispiel nochmals acht Stunden zweite Klasse fahren.

Die Kunst des Reisens besteht darin, aus dem was sich bietet eine eigene Geschichte zu machen, sein Unterwegssein bewusst gestalten.

Dazu gehört auch, die Zeit als Zeit zu geniessen. Wenn man auf einen Zug wartet, beispielsweise, geschieht einfach nichts. Meint man, bis sich der Bahnhof in eine Bühne verwandelt und du allein bist der Regisseur.

Der seinerzeit 33jährige de Botton kann das selbstverständlich nicht wissen. Deshalb kommt er auf die absonderliche Idee, dass Herr Humboldt beispielsweise das Glück hatte, Neues zu entdecken, weil noch keiner vor ihm dort war, wo er auf Pirsch nach Pflanzen, Tieren und Flussläufen ging. Na klar ist das so. Der Lärm in einem Urwald kann übrigens unerträglich sein.

Nur ist das im 21. Jahrhundert, nachdem wir das 20ste glücklich überstanden haben, nicht mehr ein Massstab für uns. Wir haben den Laptop und das iPhone mit eingebautem Navigationsgerät mit dabei. Wir stehen vor einer Kirche und informieren uns über Wikipedia. Statt mit dem Kompass und dem Sextanten navigieren wir unseren Weg durch den Grossstadtdschungel mit dem Internet.

Es geht gar nicht mehr darum, etwas zu entdecken, das andere vor uns noch nie gesehen hat. Warum auch. Wir reisen ja auch nicht mehr mit dem Segelschiff übers Meer und Schwingen uns dann auf den Rücken eines Mulis.

Das eigentliche Abenteuer, die spannende Entdeckungsreise findet im Kopf statt. Wer nicht über eine ausreichende Fantasie verfügt oder wenn es einem an Bildung mangelt, dem bleibt wohl nichts anderes übrig, als eine Pauschalreise in einen Club-Med zu buchen. Ein hohler Kopf zuhause bleibt auch ein hohler Kopf unterwegs. Da kann sich nichts bewegen ausser dem Körper und den Koffern.

Wir haben heute in Kraków bei McDonalds einen BigMac mit Pommes Frites und Coca Cola bestellt. Das war ein bewusste Entscheid aufgrund langjähriger Reiseerfahrung: Auf unserem gut fünfstündigen Rundgang durch die Stadt haben wir sehr viele Speisekarten mit farbigen Bildchen gesehen. Das ist ein wichtiger Hinweis auf eine schlechte Küche und das Ergebnis dortigen Schaffens ist oftmals nicht so gut für den Magen. Empfehlenswert ist übrigens auch ausgiebiges Händewaschen mehrmals am Tag, besonders nach einer Zugsreise. Soll auch gegen Schweinegrippe helfen.

Wie oft Herr Humboldt von der Rache Montezumas heimgesucht wurde, ist nicht überliefert.

Montag, August 03, 2009

Tarnów

Der Rathausplatz von Tarnów

Wenn man durch Polen reist, kann man die jüngste Geschichte nicht ausblenden. Die ist zum einen selbstverständlich auch polnische Geschichte, aber zu allererst ist es die deutsche Geschichte und die jüdische Geschichte, die einem in jeder Stadt begegnen.

Die Reste der Synagoge, die 1939
niedergebrannt und zerstört wurde.

Zum Beispiel hier in Tarnów. Fast die Hälfte der Einwohner der rund 70 Kilometer östlich von Krakau gelegenen Stadt waren beim Einmarsch der Deutschen am 8. September 1939 Juden.

Noch am gleichen Tag begann das Terrorregime gegen die Juden. Männer wurden von der Strasse weg verhaftet und zur Zwangsarbeit verschleppt, Wertsachen wurden konfisziert (gestohlen). Im November brannten die Synagoge und die Gebetshäuser und ab Dezember mussten die 25‘000 Juden Tarnóws eine Armbinde tragen.

Der in den 90er-Jahren wieder hergestellte Friedhof
von Tarnów. Er datiert zurück ins 16 Jh.
Auch hier fanden Exekutionen statt.

Am 14. Juni 1940 ging der erste Transport aus Polen mit 708 polnischen Gefangenen und 20 Juden von Tarnów nach Auschwitz. Sie erhielten bei ihrer Ankunft die Häftlingsnummern 31 bis 759 und waren damit unter den ersten, die nach Auschwitz kamen. Ab Mitte 1942 wurden die Häftlingsnummern in den Unterarm eintätowiert, jedoch nur in diesem KZ. Insgesamt wurden im KZ Auschwitz 405.222 Häftlingsnummern an Gefangene ausgegeben. Davon wurden ca. 340.000 getötet. (Quelle)

Am 3. September 1943 fand der letzte Transport nach Ausschwitz statt, danach war das Ghetto von Tarnów, in dem zwischenzeitlich bis zu 40'000 Menschen unter für uns nicht mal mehr vorstellbaren Verhältnissen lebten, menschenleer.

In den ehemals jüdischen Häusern und Wohnungen wohnen heute Polen. Seit Mitte der 90er Jahre findet in Tarnów kein jüdischer Gottesdienst mehr statt, weil es dafür 10 erwachsene Männer, einen Minjan, braucht.

Der europäische Mann

T-Shirt, Dreiviertelhose, Sandalen oder Sportschuh
die modebewusste männliche Internationale.

Herr Lagerfeld ist ein kleiner Stümper. Er tut zwar so, als übe er modischen Einfluss aus. Im Grunde genommen hat er nichts zu sagen. Bei den Männern. Giorgio Armani weiss das und hat schon längst resigniert. Deshalb läuft er so rum, wie der europäische Mann nun mal rumläuft: Mit T-Shirt.

Es gibt verschiedene Theorien, zu welchem Zweck man dieses Wäschestück entwickelt hat. Da kommt jede Menge Militär vor, der Vater aller Wäsche. Dann noch Marlon Brando und James Dean.

Mir gefällt die Theorie sehr gut, wonach der englische Adel seinem Personal gestattete, T-Shirts zum Servieren des "four o'clock tea" zu tragen. So vermied man hässliche Teeflecken auf ein langärmligen Hemd. Damals gab es noch kein Ariel. Und deshalb heisst es im Englischen auch "Tee Shirt", okay ein kleiner Scherz.

Der europäische Mann trägt Dreiviertelhosen, Sandalen oder Sportschuhe und eben ein T-Shirt. Stellvertretend für die erdrückende Mehrheit aller europäischer Männer, die sich diesen Sommer so kleiden und die wir auf unseren Weg durch den alten Kontinent in wirklich allen Städten und Käffern getroffen haben, seien diese drei Unbekanntenaus Krakau für alle Ewigkeit im Internet gespeichert. Quasi als Denkmal für den unbekannten europäischen Mann.

Wir gehen demnächst zum Bahnhof. Alle halbe Stunde fährt ein Zug weiter nach Osten.

Sonntag, August 02, 2009

Rynek Glowny

Die Marienkirche, immer zur vollen Stunde
bläst ein Trompetenspieler hoch oben im Turm eine Melodie.


In Europa gibt es vier unvergleichlich schöne Plätze, die man einfach irgendwann einmal gesehen haben muss. Die beiden bekanntesten sind die Piazza San Marco in Venedig und der andere die Piazza del Campo in Siena. Nicht so bekannt, also etwas für Liebhaber ist die Plaza Mayor in Salamanca.

Der Platz wird vom langgestreckten
Renaissancebau der Tuchhallen in zwei Hälften geteilt.

Und mein vierter Lieblingsplatz, der eigentlich den Spitzenplatz belegt, ist der Rynek Glowny in Krakau. Wir waren vor fünf Jahren zum ersten Mal auf einer Polenrundreise mit dem Auto hier und seither hat dieser Platz eine festen Platz in meinem Gedächtnis. Eigentlich ist dieser Platz der eigentlich Grund, weshalb wir auf unserer Rundreise nochmals nach Polen und eben nach Krakau gefahren sind. Die vier Stunden und ein paar zerquetschte Minuten zweite Klasse in einem ziemlich langsam fahrenden Zug sind es wert.

Überhaupt ist Krakau eine Stadt, die zu besuchen sich wirklich lohnt. Läge sie nicht derart am Rand des touristischen Horizonts, könnte man die Reise nach Krakau noch mit anderem verbinden, weitere Worte würden sich erübrigen, so wie bei der Piazza San Marco und der Piazza del Campo.


Der Rynek Glowny datiert ins Jahr 1271 und ist der grösste mittelalterliche Platz Europas. Interessant ist die Architektur dieses Stadtzentrums: Alle Strassen rund um den Platz sind rechtwinklig angelegt und die Häuserblocks zwischen den sich kreuzenden Strassen bilden alle gleich grosse Quadrate. Der Rynek Glowny ist exakt vier solche Quadrate gross, man könnte meinen, man hätte hier einfach die Häuser weggelassen um sprichwörtlich Platz zu schaffen, fast 40'000 Quadratmeter.

Es gibt nur eine Strasse, sagt uns Kuba der junge Kellner, der uns unsere Biere bringt und eigentlich Jakob heisst: die Grodzka. Diese führt schnurstracks zum weiter unten gelegenen Königsschloss. Majestät wollten sich nicht im Zickzackkurs zum Rynek Glowny gefahren werden.





Unnötig anzumerken, dass jetzt im Sommer ein Stimmung herrscht wie irgendwo im Süden. Die Menschen kommen am Abend zum Flanieren auf den Platz, essen Gelati, trinken Espresso, Bier oder Wein, essen Tagliatelle oder Tapas oder was Indisches. Ganz wie bei uns.

Mit Tempo 30 durch die Felder

Polnischer Lokführer: Ja nicht zu schnell,
das ist sein grösstes Problem


Google Transit ist zwischendurch zum Scherzen aufgelegt. Beispielsweise wenn man wissen will, wie lange es mit dem Zug von Wroclaw nach Krakow dauert: 2 Stunden und 49 Minuten, sagt das System benötige der Zug für die 272 Kilometer.

Wir haben den gemäss Fahrplan schnelleren Zug gewählt, den um 09.28 Uhr. Der braucht lediglich 4 Std. 25. Die beiden früheren Züge brauchen für die selbe Strecke 15 Minuten länger. Sagt der polnische Fahrplan.

Nun fuhr unser Zug jedoch nicht um 09.28 Uhr ab, sondern eine halbe Stunde später. Denn zunächst mussten alle wieder aussteigen, weil der Lokführer ein technisches Problem festgestellt hatte.

Wer mit dem Zug durch Europa fährt,
fährt die längste Zeit immer mitten durch die Felder.


Das war infern gut für uns, weil dieser Zug schon seit zwanzig Minuten gleich neben uns stand. Weil in anderen Ländern die Züge jedoch nur wenige Minuten vor Abfahrt vorfahren, kamen wir gar nicht auf die Idee, der hier sei der unsere. Zumal die Schrift der Anzeige von dort aus wo wir standen, schon längst nicht mehr zu entziffern war.

Es gibt für Regionalzüge nur zweite Klasse, auch wenn noch "Express" hinzugefügt wird. Deshalb konnten wir uns mal so richtig unters Volk mischen. Nun ist das nicht so schlimm, wie der vorherige Satz vermuten lässt. Wir schwitzten diesmal einfach alle. Und hätte es tatsächlich eine erste Klasse gehabt, dann hätte auch die keine Klimaanlage gehabt. Ich bin ein gutes Stück mit Dostojewskijs "Verbrechen und Sühne" vorangekommen, passte ganz gut zur Stimmung im Abteil, auch was die Temperaturen anbelangt. Es sind dreissig Grad draussen.

Die anderen übten sich auch in Geduld
oder sind einfach dieses Tempo gewohnt.

Überhaupt: Die Leute sind sympathisch, die einen lesen ein Buch, andere schauen zum Fenster raus oder dösen vor sich hin, was halt Menschen tun, wenn sie in einem Zug irgendwohin wollen. Weil man in diesem Zug, im Gegensatz zu allen anderen bisher, auch die Fenster öffnen kann, weht immer ein angenehmer Luftzug durchs Abteil.

Die letzten zwanzig Kilometer setzten sich zwei hübsche junge Polinnen zu uns, so um die 18 Jahre jung. Die eine redete ohne irgend eine einzige Interpunktion. Zwischendurch hat sie auch mal ein belegtes Brot gegessen, was den Redefluss jedoch keineswegs stoppte. Nun weiss ich als Vater von drei Töchtern, dass dies weder an der Nationalität noch an der Sprache liegt, sondern am Alter.

Weil ich eh mal stehen wollte, verzog ich mich nach einer Weile mit Elvis im Ohr in den vorderen Teil des Wagens, wo man Velos hinstellen kann, also recht viel Platz zum Stehen hat.

Der Beweis: Tachometer zeigt knapp 30 km/h

Dort war auch der Lokomotivführer und so zottelten wir in einem Tempo durchs Land, man hätten Blumen pflücken können. Am Rollmaterial liegt es trotz Eingangspanne nicht, das ist recht modern. Es sind die völlig ausgeleierten Geleise, die auf einer sehr langen Strecke lediglich 30 km/h zulassen. 30 km/h! Dabei machen die Räder dieses Klopfgeräusch, das man sonst nur noch in alten Filmen hören kann, wenn sie in die Lücke zwischen den einzelnen Schienen sacken. Aber auch das ganz langsam: Dumm tsi, dumm tsi, dumm tsi.

Und damit ist auch erklärt, weshalb dieser Zug gut 2 Stunden länger braucht, als Google Transit zu wissen vorgibt.

Samstag, August 01, 2009

Wroclaw

Wieder aufgebaute Bürgerhäuser und Handelskontore.

Von Hamburg nach Wroclaw muss man viermal umsteigen. Da ist zunächst die ICE-Rennstrecke nach Berlin mit Tempo 230, dann ein Regionalzug, der bis Cottbus 20 Minuten Verspätung hinlegte, dann eine ostdeutsche Privatbahn, die pünktlich in Goerlitz ankam und schliesslich ein Regionalzug der DB mit polnischem Personal und auf einer polnischen Strecke. Der hielt den Fahrplan zwar auch ein, aber der ist derart grosszügig berechnet, dass er einfach zur Zeit ankommen muss. Schliesslich hat auch der Lokführer am Samstagabend noch etwas vor. Man kann selbstverständlich auch eine direkte Verbindung wählen, aber die ist eine Stunde langsamer, weil der ICE fehlt.

Klammer: Einmal mehr mussten wir hinnehmen, dass die Welt ungerecht ist. Während wir in der klimatisierten ersten Klasse uns zu dritt plus der Kondukteur ein 12er Abteil teilten, war die zweite Klasse gerammelt voll. Dazu noch Koffer und Kinderlärm plus eine überforderte Klimaanlage. Es ist klar: diese Zugsreise ist nur in der 1. Klasse machbar, in der zweiten wäre sie eine Qual.

Wie überall in Europa sitzen die Menschen am Samstagabend inWroclaw in einem der vielen Strassenrestaurants, essen Sushi oder Griechisches oder Spanisches oder Italienisches oder sonst was Internationales. Die jungen Polinnen kaufen ihre Klamotten bei H&M und sind deshalb einiges besser angezogen als die Mark&Spencer-Girls in York. Die Temperaturen verharren auch jetzt noch bei sommerlichen zwanzig Grad, für morgen sind über dreissig angekündigt.

Was auffällt - es ist schon um neun Uhr dunkel, während es in Schottland auch nach zehn Uhr noch richtig hell war.

Theater von Wroclaw

Wroclaw hiess mal Breslau und ist jetzt eine polnische Stadt mit 630'000 Einwohnern in Europa. Mehr gibt es dazu eigentlich nicht mehr zu sagen. Wobei ein Aussenstehender die Leistung dieser polnischen Auch-Vertriebenen schon bewundern kann, sich in nur zwei Generationen in eine Stadt eines völlig anderen Kulturkreis nicht nur einzuleben, sondern dieses Fremde wieder aufzubauen. Wenn man als Vergleich Königsberg/Kaliningrad nimmt, ist diese kulturelle Leistung umso bemerkenswerter.

Possieren für den Freund mit
deutscher Maschinenpistole

Heute gedenkt man in Polen den Opfern des Warschauer Aufstandes. Dieser begann am 1. August 1944 und dauerte bis Oktober. In Wroclaw haben junge Leute in der Fussgängerpassage eine Barrikaden aufgebaut, eine Kulisse ganz im Sinne von Herrn Zadek, denke ich mal.

Da wallte schon noch das Nationalgefühl hoch, besonders bei der älteren Generation. Für die Jungen war die nachgespielte historische Szene aber vor allem Unterhaltung. Das kann man nun deuten wie man will.

Übrigens: Unser Hotel hat nur drei Sterne, aber eine Klimaanlage und was noch viel wichtiger ist: Gratiszugang per Kabel ins Internet.

Morgen fahren wir weiter nach Osten.

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Kaffeegenuss

Es sind drei Genussmittel, die mich faszinieren, weil man für ihre Herstellung jeweils nur gerade ein einziges Naturprodukt benötigt, das dann mit Einfallsreichtum und grossem handwerklichem Geschick in ein Produkt verwandelt wird, das unvergleichliche Gaumenfreuden bereitet. Und das in einer Vielfalt, wie sie die Natur alleine nicht hervorbringen könnte. Es handelt sich um Whisky, Wein und Kaffee.

Wir haben gestern das Vergnügen gehabt, einen der exklusivsten Kaffees der Welt zu kosten. Der kommt aus St. Helena, das ist die Insel im Südatlantik, die auf halben Weg zwischen Amerika und Afrika liegt und wo einst Napoleon seine letzten Jahre verbracht hat.


Zwei Tassen dieses Kaffees kosten 12 Euro 90 also rund 2o Franken (wir haben selbst bezahlt). Das ist doch ein stolzer Preis. Allerdings inklusive MwSt., die in Deutschland abschreckende 19% beträgt.

Ganze zwölf Tonnen bester Kaffebohnen werden auf St. Helena im Jahr geerntet, von Hand und immer nur die gerade reifen Früchte. 1732 sollen die ersten Bohnen angebaut worden sein, die die Engländer aus dem Yemen hierher gebracht hatten. Doch ohne Napoleon hätte Europa von diesem Kaffee wohl kaum je etwas erfahren. Der damals berühmteste Häftling Europas widmete seine Zeit ausgiebig dem Kaffeegenuss, was sich auch in Frankreich herumsprach und einen kurzzeitigen Verkaufsboom auslöste.

Der intensive Kaffeeduft stieg einem schon draussen auf der Strasse in die Nase. Man brauchte ihm nur zu folgen. Es war klar, dass er zu einer Rösterei führen würde. Doch die füllt nur etwa einen Viertel des Raums, der Rest der "Speicherstadt Kaffeerösterei" ist ein Café, wo man die verschiedensten Kaffees gleich probieren kann.

Entscheidend für die Qualität des Kaffees in der Tasse ist der letzte in der Kette, der Barista, im Grunde genommen ein Künstler, dessen handwerkliches Geschick darüber entscheidet, ob edelste Bohnen in der Tasse ihr Potential auch tatsächlich entfalten.

Würde man zum Beispiel die frisch gemahlenen St. Helena-Bohnen mit einer Espressomaschine zubereiten, wäre der ganze Aufwand, den man zuvor bei der Pflege der Pflanzen, beim Pflücken, beim Rösten betrieben hat, für die Katz.


Am besten können sich die Aromastoffe in der Press-Stempelkanne entfalten, sagt Herr Kalikowski, der Leiter der Rösterei und des Cafés, mit dem ich das Vergnügen hatte, eine gute Dreiviertelstunde über Kaffee zu plaudern. Er schaute immer wieder auf die Uhr und erst als exakt fünf Minuten verstrichen waren, füllte er die beiden vorgewärmten Tassen, denn erst jetzt hat der St. Helena-Kaffee alle seine Aromen ins 90 Grad heisse Wasser abgegeben, das sich inzwischen auf rund 70 Grad abgekühlt hat.

Und schon beim ersten Schluck entfaltet er im Gaumen seinen vollen, aber trotzdem sanften, runden Geschmack entwickelt und wo sonst beim Kaffee eine leichte Säure folgt, bleibt hier der volle Kaffeegeschmack.

Wenn man sich noch tiefer auf diesen Kaffee einlässt – schwarz getrunken und ohne Zucker – entfalten sich im Gaumen noch weitere Aromen, die ich so intensiv noch bei keinem Kaffee erlebt habe und die für längere Zeit im Gaumen erhalten bleiben. Und danach folgt der ganze Körper und noch eine Stunde später spürt man, man hat Kaffee getrunken. Es war eine einzige Tasse gewesen.

Diese eine Tasse Kaffee hat meinem Kaffeegenuss eine völlig neue Dimension hinzugefügt, meine Reisebegleierin sieht das übrigens genauso.

Erst in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde die Kaffeeproduktion wieder aufgenommen, mit den Resten der ursprünglichen Plantage, die man von den Dschungelgewächsen befreite. Die Mühe hat sich gelohnt. Auch finanziell. Ein halbes Kilo Rohkaffee kostet je nach Marktlage um die 90 Franken.

Die "Speicherstadt Kaffeerösterei" röstet den St. Helana selbstverständlich selbst und betreibt eigens für diesen und die andere Rarität, den Kopi Luwak, eine Röstmaschine für Kleinstmengen bis zu dreissigKilo Bohnen.

Um 09.02 fährt unser Zug von Hamburg-Dammtor ab Richtung Osten. Wie weit wir fahren werden, entscheiden wir unterwegs.